Stiftung Horizonte
Art & Culture at the Czech Pavilion EXPO 2000
Hildesheimer Allgemeine Zeitung, 25. Mai 2002
Luft sieht sich dem Strich der Wahrheit verpflichet
Hildesheimer Wolfgang Mathai gründet Stiftung Horizonte und lenkt erste Blicke auf das Werk von Volker E. Luft
HANNOVER/HILDESHEIM. Luft hat keine Horizonte. Luft kombiniert. Wolfgang Mathai ist freundlich. Der Hildesheimer Unternehmer verlegt einen Teil der Firma Mathai von der Carl-Zeiss-Straße in Hildesheim
auf das Ex-Expo-Gelände nach Hannover. Vor die Tore beider Städte. Firma Mathai wächst. Gute Kontakte zur Tschechischen Republik. Václav Bartuska freut sich, vorrangig über Luft. Luft sei der,
der Mathai inspirierte, dem Ex-Pavillon Tschechiens eine neue Bestimmung zu geben. Mathai lächelt. Er kommentiert freundlich Gemeintes nicht. Und kommt zu den Bildern, denen die Stiftung Horizonte
erstmals Öffentlichkeit verschafft. Chef der Stiftung: Wolfgang Mathai.
Aber der Tscheche Bartuska will noch mehr Dank los werden. Hannovers und Hildesheims Oberbürgermeister hätte wichtige Grußworte zur Ausstellung
geschrieben. Auch der Geschäftsführer von Expo Grund lobt Mathais Stiftung Horizonte. Sie habe Luft Raum gegeben. Luft findet das noch immer nett, findet aber nicht zu
seinen Bildern. Künstlerin Gabi Wicke, Galeristin aus Hannover, weiß Wichiges. Luft sei ein Maler mit dem Stift. Das Sakrale bei Luft? Wicke tastet. Irgendwie scheint ihr die Verbindung Lufts zum Sakralen
nicht geheuer. Sie zisiliert ihre Sprache. Luft male das Gelesene aus dem ältesten Buch der Welt. Im Wachsen des Bildes stille er seine Neugierde mit Euphorie. Lufts Linien und Striche können seelische
Vorgänge zum Ausdruck bringen.
Sie leitet zu Luft über. Erleichtert ergreift Luft die Stille im Raum. Draußen ist der Pavillon noch Baustelle. Auch im ersten Stock überwiegt das Provisorische. Ganz
anders Lufts Bilder. Anders auch Luft. Flugs führt er ins Tessin. Ab 1990 lebte er sechs Jahre nördlich von Lugano. Hier gebe es ein Forschungszentrum für Blitze. Blitze? Blitze. In Lugano seien eben
Blitze zu Hause. Oft blitzt es so oft, dass es nachts taghell ist. Blitze bündeln sich auf, werden in der Masse zur leuchtenden Lampe. Lustig.
Luft zeigt auf seine Tessinbilder. Strich an Strich. Das war mein geistiger Nährboden, sagt er. Zu sehen sind Orte, Landstriche und immer wieder Kirchen. Weinberge. Selbst die zarten Reben zeichnet er.
Sogar Drähte, die sie halten. Manche Motive sind so ausgearbeitet, dass die Nuancen noch unter der Lupe Neuigkeiten bringen. Menschen zeigen diese Bilder nicht. Die kommen stäter. Mit Augen, bei denen
selbst die Iris fein herausgearbeitet ist. Die Mühe macht sich keiner zum Spass. Oder Spass pur?
Aber Luft hat im Tessin nur Anlauf genommen für das, was ihn eigentlich bewegt. Er hat hart arbeiten gelernt. Größte Genauigkeit. Er zitiert Michelangelo. Zum Malen den Menschen ausziehen. Dann die Haut
weg, alles Fleisch bis auf die Knochen. Dann die Bewegung betrachten. Und alles wieder aufbauen. Jetzt malen. Erst jetzt.
Hinter Lufts freundlichen Augen blitzt klare Entschlossenheit. Allein das Gefummel am dauernd rutschenden weißen Seidenschal wirkt attitüdig. Wer ihn anspricht, findet ihn bestimmt. Besessen? Frager
verfängt er gern, dreht die Beweislast um. Seine Kunst rechtfertigen? Nicht sein Problem.
Er malt den Tessin, um sich fit zu machen für seine Kinderbilder. Er malt Kinder, um sich an Porträts zu trauen. Er malt männliche und weibliche Akte, um seinem Handwerk Perspektive zu geben. Berge,
Bäume, Häuser, Menschen, Akte, alles nur das Einmaleins fürs Sakrale. Donnerwetter.
Keiner widerspricht. Luft will seine Bilder nicht verkaufen. Er wirbt nicht für sie. Aber für sich, für seine Sicht. Keiner hätte gedacht, die Einführung ins Sakrale käme so klar daher.
Jesus seien die Nägel nicht durch die Hand geschlagen worden. Das würde einfach wegreißen. Bis zu 6000 Kreuzigungen hätten die Römer jährlich vollbracht. Nicht die Nägel am Kreuz hätten die Körper getötet,
die Gekreuzigten seien erstickt, am Stickstoff der eigenen Atemluft. Unter Todes-Stress sammele sich Blut und Wasser im Brustraum. Ein Herzspezialist sagte ihm das, die Bibel wusste es schon vor 2000 Jahren.
Lufts Charaktere gibt es tatsächlich. Malt er das Letzte Abendmahl, sucht er seine Modelle unter Freunden, Bekannten, Nachbarn. Golgata, Jesus Geburt, Pfingsten, immer sind es tätsächlich existierende Menschen,
die seinen Bildern Gesichter geben. Angst vor großen Vorbildern? Tizians Letztes Abendmahl? Weiß Luft, wer genau wie neben Jesus sitzt? Ja. Lufts Letztes Abendmahl ist von Luft. Atmet Geschichte. Nur Handwerk?
Würde Luft nichts machen.
Maria Magdalena. Er, der Katholik, Jahrgang 1934, Verwandter des großen Berliner Theater-Kritikers Friedrich Luft, war erfolgreicher Architekt mit Großprojekten auch in Südamerika. Er sieht Maria von Magdalena anders.
Jesus Begleiterin werde in der Bibel von Jesus selbst nie als Sünderin verworfen. Dafür hätten später die Prister gesorgt. Maria Magdalena, Jesus Nachfolgerin? Kühn.
Sakrale Malerei. Mit seinen Bildern macht es sich Luft zu schwer, um zu leicht genommen zu werden. "Ich habe mich dem Strich der Wahrheit verschrieben", sagt er und kommt auf den Tessin zurück, dem Ursprungsort
seiner Malerei. "Wer bin ich, die Dinge anders darzustellen, als Gott sie geschaffen hat?", sagt er. Die Wahl seiner Instrumente liegen fest. Tessin, das sei härtester Granit. Um Granit zu zeichnen, was eignet
sich besser als Graphit? Tessin, das sei auch zartester Dunst, der die Berge zum Himmel hin öffne. Graphit, Kohle, Ölkreide böten auch hier das beste Zeichenmaterial.
Volker E. Luft malt mit feinem Stift. Dickeres Zeichenmaterial würde keinen Platz lassen für all seine Geschichten. Lesebilder brauchen Zeit. Luft hat sie. Wer sich vor Lufts Bildern Zeit nimmt, bekommt
sie zurück. Wer sakrale Bilder scheut, sollte es mal mit Luft probieren. Die vielen kleinen Striche bieten dem Betrachter viel Raum.
-dt